erzählung des monats

zwischen zwei zügen

e. a. kriemler | gestrandet | jetzt bestellen
14 kurzgeschichten über die antihelden unserer zeit

Sie ist falsch hier. Die Station, wie heisst die? Der Zug, der fuhr in die verkehrte Richtung. Und sie, weggesackt. Für wie lange? Im letzten Moment springt Yvie auf, quetscht sich durch die S-Bahn-Tür. Ein Bahnsteig zwischen zwei Gleisen. Rundherum Wiesen. Mitten im Nirgendwo. In der Ferne ein paar Wohnblöcke. Die Sonne blendet sie. Ein Stechen in der Stirn, als zöge ihr jemand Sandpapier durchs Hirn. Wieso ist es bloss so hell? Sie hält ihre Hand schützend vors Gesicht.

Den Taxifahrer, wer hat ihn gerufen? Vivi? Nein, die war längst weg, liess sie im Stich. Er gab sich fürsorglich, gelassen. Machte dennoch ein mürrisches Gesicht. Im Wagen fühlte sie sich geborgen. Gepolter. Deppen schlugen johlend aufs Dach. Nur noch nach Hause. Der Weg zum Bahnhof ausgelöscht. Hat sie bezahlt? War sie eingenickt?

Sie flüchtet in den Schatten des Unterstands, fällt benommen auf die Bank. Wann fährt der nächste Zug zurück? Sie verschränkt ihre Arme seitlich über der Rückenlehne, stützt ihren Kopf darauf ab, schliesst die Augen, wartet. Zu müde, zu erschöpft, um den Fahrplan zu studieren.

Ein Schatten, jemand streckt ihr eine Plastikflasche entgegen. Wasser, für sie, solle es trinken. Drei kleine Schlucke, ihr Magen rebelliert. Sie reibt sich das Wasser an den Nacken, auf die Stirn. Ihr Wohltäter, ein junger Typ, streckt ihr die Hand entgegen. Er heisse Shavi, von Xavier. Yvie ignoriert seine Geste, bedankt sich leise. Den Arm heben mag sie nicht. Ihr Name? Der tue nichts zur Sache. Der Junge lächelt, setzt sich neben sie auf die Bank.

«Ich werde dir helfen. Sprich mir einfach nach: Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde. Und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn, empfangen …»

Sie stöhnt auf, winkt heftig ab. Eine Predigt das letzte, was sie jetzt hören möchte. Am Sonntagmorgen benommen und verkatert in der Provinz festzusitzen, ist das nicht beschämend genug? Und sie nicht schon zu alt dafür? Nach einer kurzen Pause setzt der Junge nach.

«Weisst du, der ewige Gott liebt dich, bedingungslos. Und er wünscht sich, dass du seine Liebe spürst. Gott ist Liebe, seine Weisheit der Sinn des Lebens, so einfach ist das.»
Sie dreht ihm den Rücken zu, vergräbt das Gesicht in den Armen. Shavi verstummt. Die Bilder der vergangenen Nacht, sie kommen langsam wieder hoch.

Sie hatte getanzt, ergab sich dem Sound, die halbe Nacht. Die Augen geschlossen, stets ein Glas in der Hand. Die Musik, sie konnte sie fühlen. Bässe wummerten durch ihren Körper, Lichter schossen durch ihren Kopf. Die Drinks waren stark. Auf der Tanzfläche Typen, schmissen sich an sie heran. Sie hatte nichts dagegen. Doch konnten sie nicht mithalten mit dem Beat. Ihr egal. Immerhin gut für den Getränkenachschub.

Im Kopf geht Yvie durch, was sie gestern alles getrunken hat. Der Gedanke an Alkohol. Ihr wird heiss und kalt zugleich. Auf ihrer Stirne sammelt sich der Schweiss. Sie dreht sich auf den Rücken, fällt beinahe von der Bank. Mit besorgter Miene schaut Shavi sie an. Lehnt sich zu ihr hinüber, seine Hand behutsam auf ihrer Schulter, versucht ihren Blick zu erhaschen.

«Dir ist bewusst, dass du gesündigt hast? Das haben wir alle. Doch der ewige Gott ist voller Gnade, voller Barmherzigkeit. Es gibt keine Erfüllung ausserhalb von Gott, das muss dir klar sein. Du findest ihn nicht im Luxus, nicht in deinem Spiegel, nicht im Rausch. Du folgst falschen Propheten, hörst du mich? Stösst Gott von dir fort, verletzt deine Mitmenschen. Aber Jesus starb auch für dich am Kreuz, erlöste dich von deinen Sünden.»

Er rührt leicht an ihrer Schulter, als wolle er sie aufwecken. Seine theatralische Stimme, die schwülstigen Worte, sie kann es nicht mehr hören. Sie schüttelt seine Umklammerung ab, ein zorniger Blick. Sie schaut ihn sich zum ersten Mal genau an. Der Bursche einige Jahre jünger als sie, knapp volljährig vielleicht. Ein faltenloses, unbehaartes, jungfräuliches Gesicht. Die Rastas zusammengebunden, im Kontrast zum frisch gebügelten

Sonntagshemd. Die Gitarre und das Skateboard an der Wand gehören wohl ihm. Beinahe noch ein Kind. In ihren Ärger mischt sich Beschützerinstinkt. Sie fühlt sich verlebt, doppelt so alt wie gerade noch zuvor.

Sie waren viel zu früh. Die Party lau, eine Sofarunde. Die Gesichter reizlos, unbekannt. Sie lehnten sich an die Wand, warteten, dass was passiert, ein Bier in der Hand. Nach einer Stunde war sie kurz davor zu gehen. Doch Vivi brachte aus der Küche zwei Kerle mit. Nach der dritten Flasche war die Sache am Laufen.

Yvie fasst sich an die Stirn, streicht ihr Haar in den Nacken, starrt benommen an die Decke des Unterstands. Wie viele Abstürze gab es schon in ihrem Leben? Wie oft ist sie mit einem Kater aufgewacht? Die Vorsätze, Schwüre jedes Mal vergessen, sobald der Schädel zu brummen aufgehört hatte. Und jetzt diese quälende Litanei! Ist dies die gerechte Strafe für ihre fehlende Einsicht? Wieso hält der nicht einfach seinen Mund?

«Früher, da stand ich mal am selben Punkt wie du. Hab mir die Nächte um die Ohren geschlagen, gestohlen, gekifft, meine Freundin betrogen. Doch glücklich war ich nie. Doch eines Tages lernte ich einen Freund kennen. Er nahm mich mit zum Abendmahl. Schenkte mir eine Bibel, gemeinsam beteten wir.»

Alles eingetrichtert. Das Kind redet wie ein gestandener Pfaffe, jeder Satz auswendig gelernt. Unendlich dreht der Gedanke in ihrem Kopf. Ein junger Schnösel, kann knapp verstehen, was er da von sich gibt. Dafür eine Hartnäckigkeit, unglaublich. Sie konzentriert sich darauf, aufrecht zu sitzen. Seine Phrasen wie Gehirnwäsche, Folter, Tortur.

Kurz vor Mitternacht hatte Vivi etwas aufgetrieben. Tänzelte quer durchs Wohnzimmer zu ihr hin, ein triumphierendes Lächeln im Gesicht. Präsentierte stolz zwei Linien Koks. Offeriert! Streckte ihr das silberne Röhrchen entgegen, auffordernd, bestimmt. Zur Feier des Tages! Ein nobler Spender, konnte man da nein sagen? Später nochmals die gleiche Portion.

«Es ist kein Jahr her, da wurde ich beim Fluss hier getauft. Die Gemeinde hat mir ein neues Leben geschenkt. Heute schöpfe ich Abendessen für Obdachlose, besuche Bedürftige im Pflegeheim und sonntags, da unterrichte ich Kinder in der Kirche. Und nächsten Sommer, da gehe ich nach Afrika. Halte Kurse in Englisch, helfe Analphabeten. Mit meinem Leben bin ich so zufrieden wie noch nie zuvor. Dieser Weg steht auch dir offen. Du kannst es schaffen, ich glaube an dich.»

Yvie wünscht sich, sie hätte die Kraft, um auf den Monolog zu antworten. Ihr Gehirn wäre fit und sie nicht damit beschäftigt, den Alkohol in ihrem Blut abzubauen. Sie würde Shavi im einundzwanzigsten Jahrhundert begrüssen. Ihm erklären, dass Gott tot ist. Ein Bild gepeinigter Menschen, die sich nach einem Hirten sehnen. Ein verinnerlichtes Über-Ich, das die menschlichen Triebe unterdrückt. Im besten Fall Opium fürs Volk. Dass Gott eine Ausflucht, weil die Menschen verzweifeln ohne Antwort auf den letzten Grund, den wahren Sinn. Und dass dies selbst eine sinnlose Frage, da sich der Mensch selbst finden, überzeugen und gestalten soll. Doch Yvies Gedanken sind vernebelt, die Zunge lahm.

Auf einmal war Vivi verschwunden. Wann war das? Hatte sich einen Typen geangelt. Grossgewachsen, stilvolle Kleider, ganz ihr Typ. Räkelten sich im Wohnzimmer, tanzten engumschlungen. Später fand sie die beiden im Treppenhaus. Seine Hand zwischen ihren Beinen. Steckten sich die Zunge in den Hals. Vivi lachte laut auf, kniff ihn in den Arsch. Es ging eine Weile, bis sie Yvie bemerkte. Vivi schmiegte sich an ihren Mann, schickte ihr einen lüsternen Blick, rief ihr was zu. Doch die Musik war zu laut.

«Eines ist sicher: Das Evangelium ist die gute Nachricht, für dich, für mich, für die ganze Welt. Und es ist unser Auftrag, das Wort Gottes zu verkündigen, alle Völker zu Jüngern zu machen. Diesen Auftrag, den müssen wir ernst nehmen. Denn es gibt nur einen Erlöser. Soll eine Seele verloren gehen, nur weil niemand ihr die frohe Botschaft verkünden konnte? Das darf nicht sein. Daher muss ich auch nach Afrika. Die armen Menschen dort unten, haben die nicht schon genug gelitten?»

Schweissausbrüche, Schüttelfrost. Sie muss das hier beenden. Yvie holt Luft, versucht freundlich zu bleiben. Er könne sich die Mühe sparen, unterbricht sie ihn mit gepresster Stimme, es gehe ihr gut, meistens. Er kenne sie ja nicht, aber wegen einem leichten Kater stehe sie noch lange nicht vor dem Abgrund. Es wäre besser, er würde sich zum Bekehren jemand anderen suchen. Mit zittrigen Beinen steht sie auf. Längst nicht so bestimmt wie gewünscht. Eine lausige Gegenwehr. Zwei, drei Schritte. Sie bleibt stehen. Die Sonne brennt, erschlägt sie fast. Sie verzieht das Gesicht. Shavi folgt ihr, unbeirrt.

«Dein Leiden, nur du allein kannst es beenden. Es reicht ein kleiner Schritt, hin zu Gott. Er wird dir verzeihen, schenkt dir ein glückliches, ewiges Leben. Es ist deine Entscheidung!»

Irgendwann begann sich alles zu drehen. Ohne Vorwarnung. Die Lichter auf einmal grell, die Musik dumpf. Sie hielt sich an den Wänden fest, drängte sich durch die Gäste, flüchtete aufs Klo. Im Gang sammelten sich Leute. Riefen, lachten, öffneten die Tür. Sie über die Schüssel gebeugt. Elend, verschwitzt. Würgte und alle glotzten sie an. Spritzer von Kotze im Haar. Filmte da einer sogar?

«Aber eines Tages wird Jesus auferstehen, in seiner ganzen Herrlichkeit, wird die Menschen zu Gericht ziehen, das Reich Gottes vollenden. An diesem Tag möchte ich dich an meiner Seite sehen, Schwester. Es ist noch nicht zu spät. Verstehst du mich?»

Und Vivi? Längst mit ihrem Typen abgezogen. Amüsierte sich in fremden Betten. Während sich ihre Freundin krümmte im Suff. Wälzte sich auf einer Matratze, schrie ihre Lust hinaus. Doch war das nicht das Ziel gewesen? Hatten sich schöngemacht, gestern, sich aufgemotzt. Sich zu einem kürzeren Rock, einem freizügigeren Oberteil angestachelt. Von ihren Jungs geschwärmt. Vor dem Spiegel posiert, aufreizend, verführerisch. Vivi und Yvie, die Männerfresserinnen!

Die Übelkeit überkommt sie erneut. Der Boden beginnt zu wanken, sie torkelt, sucht Halt. Ihr Magen zieht sich zusammen, sie schluckt es runter. Zwecklos. Sie sackt auf den Bahnsteig, biegt sich, würgt, erbricht sich auf die Geleise. Magensaft. Mehr gibt ihr Körper nicht mehr her. Yvie keucht, schnappt nach Luft. Ihre Lippen bitter.

In einem schummrigen Schlafzimmer wachte sie auf. Schwerer Kopf, noch immer berauscht. Neben ihr Schnarchen. Sah keinen Meter weit. Versuchte abzuschätzen, wie lange sie schon so dalag. Ihr Rock hochgerutscht, der Slip beiseitegeschoben. Eine Hand tastete sich zu ihren Schenkeln vor. Ein Ächzen, Stöhnen. Sie schreckte auf. Am Bettrand ein zweiter Typ. Die Hand in der Hose, mit gierigem Blick. Schlagartig war sie wach. Schrie. So laut sie konnte. Stiess den Wichser von sich weg. Stürmte aus dem Zimmer, aus der Wohnung, aus dem Haus.

Mit einem Ruck wird sie hochgerissen. Ein schriller Pfiff. Eine Handbreite vor ihr rattern, poltern Bahnwagen vorbei. Der Fahrtwind schlägt ihr ins Gesicht. Hinter ihr Shavi, hält sie an ihrer Jacke hoch, mit Schrecken in den Augen. Yvie weiss nicht, wie ihr geschieht. Stützt sich mit einer Hand ab, sucht Halt. Die S-Bahn kommt zum Stehen.

Sie schaut Shavi an, ungläubig, stammelt irgendwas. Ein Danke bringt sie nicht hervor. Er umarmt sie, gibt dem Lokführer ein Zeichen, dass alles in Ordnung sei. Ihr Herz rast, ihre Beine halten sie kaum. Sie streckt ihm die Hand entgegen. Yvie, von Yvonne. Er nimmt ihre Hand, umarmt sie erneut. Sie unter Schock, schaut durch ihn hindurch. Dreht sich ab, steigt benommen in den Zug. Sie würden sich wiedersehen, ruft Shavi ihr nach. Sei sich da sicher, ganz bestimmt. Sie hört ihn kaum, kracht auf den nächsten freien Sitz. Durch die Scheibe Shavis Gesicht. Sie schaut ihn an, hebt starr die Hand, berührt das Glas. Der Zug setzt sich in Fahrt. Bringt sie heim, zurück in die Stadt.

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