erzählung des monats

gestrandet

e. a. kriemler | gestrandet | jetzt bestellen
14 kurzgeschichten über die antihelden unserer zeit

In den frühen Morgenstunden hat sich der Sturm gelegt. Die Blitze weitergezogen, der Donner verstummt. Malik traut sich aus seinem Loch. Über den schneebedeckten Berggipfeln hängen noch zahme Wolken. Auf der Ebene eine Menschenansammlung. Wenige hundert Meter entfernt, ungewohnt viele. Er nähert sich, bleibt in sicherem Abstand stehen.

Die Menge, sie schart sich um einen riesigen dunklen Felsbrocken. Vom Unwetter aus der Bergwand gelöst, stürzte in die Tiefe, den Abhang hinunter, kam am Rand des Alpsees zum Stehen. Ein gutes Dutzend Einheimische. Bergbauern, Wanderinnen, Hotelangestellte. Bestaunen die neue Markierung in der Landschaft, zeichnen mit dem Finger die Spuren in der Weide nach, erschaudern vor den Naturgewalten. Malik setzt sich etwas oberhalb auf einen Hügel, schaut dem Treiben zu. Seltene Fetzen Französisch erreichen ihn. Den hiesigen Dialekt zu verstehen, hat er längst aufgegeben.

Ein Wal, durchfährt es Malik. Sieht aus wie ein riesiger gestrandeter Wal. Der Felsen, am einen Ende quadratisch, läuft keilförmig in den kleinen See hinaus. Ein langgezogenes, abgesplittertes Stück dort, wo der Kiefer hingehört. Eine Ausbuchtung markiert das Auge. Und die Platte, die aus der Seeoberfläche ragt, ergibt eine Schwanzflosse. Ein Pottwal. Die Feuchtigkeit des Regens verleiht ihm einen schimmernden Glanz. Ob die Ansässigen das sehen?

Malik kann seinen Blick nicht vom mächtigen Ungetüm abwenden. Studiert die Furchen, Narben, Wunden, prägt sie sich ein. Als sich die Einheimischen verstreuen, den tonnenschweren Brocken liegen lassen, ruft Malik seine Kameraden. Doch die lässt der gestrandete Koloss kalt. Ein Fels im Wasser, was gebe es da zu sehen. Er solle zurückkommen ins Loch, zurück an seinen Platz. Doch Malik rückt seinem Wal nicht von der Seite. Es kümmert sich ja sonst niemand um ihn. Und im Loch, da brauche es ihn nicht. Niemanden brauche es dort. Malik, der Wächter der Hölle. So nannten ihn seine Mitstreiter im Scherz. Doch was gibt es in diesen fremden Bergen schon zu beschützen. Seinen Schlafplatz im Loch? In den gewaltigen Felsen fühlt er sich fremd, wertlos, klein. Ein Sandkorn. Wie der Staub, der sich regelmässig aus der Wüste, seiner Heimat, hierher verirrt.

Nicht lange und der Wal wird zu stinken beginnen. Der Geruch, er ist Malik vertraut. Was einem gefallenen Pferd, einem verdursteten Kamel oder einem verendeten Hund widerfährt, davon bleibt auch ein gestrandeter Wal nicht verschont. Der Kadaver wird sich aufblähen, der Wind die fauligen Gase verbreiten. Der Gestank eines solch grossen Tieres, er muss bestialisch sein. Übelkeit befällt Malik bereits beim Gedanken daran. Fliegen werden über den Leichnam herfallen. Der tote Körper besiedelt von Maden, Larven, Würmern. Greifvögel werden ihm die Innereien aus dem Leib reissen, Aasfresser sich am Fleisch gütlich tun, bis der giftige Fäulnisgeruch auch sie in die Flucht treibt. Der Kadaver wird vertrocknen, bis nur noch das Skelett übrig bleibt und ein paar ledrige Fetzen. Gerippe gibt es in Maliks Heimat zuhauf.

Bis er auf die Idee kommt, sich um ein Feuer zu kümmern, ist die Sonne längst hinter den Gipfeln verschwunden. Wind kommt auf, ihn fröstelt. Er muss diese Nacht durchstehen. Die Pforte zur unterirdischen Unterkunft längst geschlossen. Mit den wenigen Ästen, die auf dieser Höhe herumliegen, kommt er nicht weit. Im Halbdunkel holt er bei einer unbewohnten Hütte mehrere Holzscheite. Nahe dem Wal findet er einen windstillen Ort, um das Feuer zu entfachen. Malik rückt dicht an die Flammen ran. Den Blick zum See. Der Wal, er scheint ihn durch die Funken hindurch anzustarren.

Wie konntest du nur hier landen, Wal? Bist auf Abwege geraten, hast dich verirrt. Warst du in Panik, wurdest verfolgt? Verrat es mir. Ich kenne das Gefühl, auf der Flucht zu sein, zu versuchen, seine Feinde abzuschütteln. Und kaum durchgeatmet, stehen sie wieder da. Oder verwirrte dich der Lärm, den die Menschen fabrizieren? Folgtest du einem falschen Signal? Einem Rufen, faszinierend, verlockend, verführerisch. Gabst ihm nach, in der Hoffnung, die Versprechen würden wahr? Und als du den Irrtum bemerkt hast, den Hinterhalt, war eine Umkehr unmöglich, längst zu spät. Auch wir sind vom Kurs abgekommen, Wal. Mitten im Meer. Wir am Kentern, die Wellen hoch. Allah wollte mich nicht auf dem Meeresboden sehen. Aber welchen Grund gibt es für dich? Gestrandet, hier! An einem Bergsee. Vom Himmel gefallen bist du wohl nicht. Bist du mir etwa gefolgt? Der Schatten hinter den Dünen, das warst doch nicht du? Aber als die See ruhig war, bist du aufgetaucht. Hab dich gesehen, deinen Rücken, für eine Minute am Horizont. Und nun treffen wir uns hier, mitten in Kälte und Schnee. Wal, sag, was willst du von mir?

Als Malik aufwacht, ist es bereits hell. Er friert am ganzen Körper, neben ihm zwei seiner Begleiter. Mit Brot, Käse, heissem Tee. Hätten sich Sorgen gemacht, sich gefragt, wo er stecke. Malik winkt ab. Während der letzten Dürre habe er Hunger gelitten. Habe überlebt, als die Versorgungswege unterbrochen, die Zeltlager überfüllt und die Hilfsgüter rar. Eine Nacht im Freien könne ihm da sicherlich nichts anhaben. Die zwei verdrehen ihre Augen, schütteln den Kopf. Dass er all dies mit Allahs Hilfe durchgestanden habe, sei noch lange kein Grund, sich leichtsinnig in den Kältetod zu stürzen. Sie stellen den Proviant neben ihn hin, versprechen wiederzukommen. Kaum ausser Sicht, fällt Malik über das Essen her.

Es muss kurz vor Mittag sein, da erspäht Malik eine junge Frau. Kämpft sich die Alp hoch, schick gekleidet, für die raue Gegend unpassend. Redet auf ihn ein, noch bevor sie bei ihm steht. Mit ungelenken Zeichen fordert sie Malik auf, von See und Felsen wegzutreten. Er zieht sich auf einen Hügel zurück. Beobachtet, wie die Frau Fotos schiesst. Von seinem Wal, dem Felsen im See. Ein Mann gesellt sich zu ihr. Mittleren Alters, klein, dicklich. Spricht in das ihm entgegengestreckte Mikrofon, posiert vor der Kamera, das tonnenschwere Tier im Hintergrund. Eine Reporterin. Interessiert sich für seinen Fisch. Malik schaut den beiden zu, fragt sich, was der Dicke ihr wohl erzählt. Was seine Erklärung für dieses sagenhafte Ereignis ist. Als der Typ verschwunden, sie auf dem Rückweg, fasst sich Malik ein Herz. Er passt die Journalistin ab, spricht sie auf Französisch an. Ein Wal, gestrandet an einem Bergsee, was halte sie davon? Sehe sie, dass dies nicht bloss Gesteinsbrocken seien? Die Frau, sie schaut ihn irritiert an. In ihren Augen Spuren von Furcht. Malik entschuldigt sich, stellt sich vor, nickend, die Hand auf der Brust. Die Reporterin zögert, ob sie antworten soll, zieht kommentarlos an ihm vorbei.

Malik schaut der Frau nach, bis sie verschwunden ist. Seine Geschichten, hat sich in diesem Land jemand je dafür interessiert? Die Vorfälle in der Heimat, die Not während der Flucht, die nächtlichen Fehden hier in der Unterkunft. Alles nicht von Belang! Mit schwerem Herzen setzt er sich neben seinen stummen Freund. Ein Stechen in der Brust. Sehnsüchtig schaut er die kalte Felswand hoch.

Vermisst du deine Familie, Wal? Meine fehlt mir sehr. Erinnerst du dich, wie es war, mit deinen Vettern herumzutollen? Abzutauchen und hochzuspringen? Immer und immer wieder. Von deiner Mutter umsorgt und von Tanten bewacht. Das Wasser um dich herum unendlich weit. Ein grosses Abenteuer, doch ohne Gefahr. Sag, Wal, erinnerst du dich? Meine Familie, ich hab sie verlassen, viel zu früh. Hab mit anderen Jungen das Risiko gesucht. Dachte, ich sei ein Mann. Kennst du das? Eine Familie sollte man beschützen, Wal. Doch muss ich das dir erklären? Eure Heldensagen, die erzählt man sich selbst in der Wüste. Nehmt es zum Schutz eurer Kleinen mit Schiffen auf, zehnmal so gross wie ihr. Rammt sie mit euren Schädeln, schlagt sie mit der Flosse klein. Auch ich hab gekämpft, Wal. Für meine Familie, für unsere Sprache, unsere Tradition. Hab mit meinen Brüdern rebelliert, für die Freiheit in unserem Land. Doch heute bin ich alleine unterwegs. Auf mich gestellt. Du siehst, wohin das führt.

Im Gedanken an seine Familie muss er eingenickt sein. Als Malik wieder erwacht, taucht die untergehende Sonne den Himmel bereits in ein dunkles Rot. Neben ihm ein Teller mit lauwarmem Eintopf und eine kratzige Wolldecke. Zehn Meter entfernt hüpft eine Krähe auf und ab. Wartet auf den richtigen Moment, um sich über das Essen herzumachen. Als Malik nach einem Stein greift, flattert sie davon. Er entfacht das Feuer, stellt den Teller auf die Knie und beobachtet schmatzend, wie sich der Himmel dunkel färbt. Die ersten Sterne blinzeln über dem stillen See. Ob es hier Wölfe gibt?

Die Raubtiere, sie warten, Wal. Du siehst sie nicht, doch sie sind hier, verstecken sich. Schleichen hervor, wenn du am Boden liegst, wehrlos, verletzt. Nutzen deine Schwäche, beissen sich fest. Eine leichte Beute. Selbst Aasgeruch stört sie nicht. Ich werde dich bewachen, Wal. Vor den Hunden, den Raben. Halte die Stellung, das verspreche ich dir. Mit Geiern, Hyänen kenn ich mich aus. Der Gestank des Todes haftet an ihnen. Laben sich an deinem Leid. Sie kamen auch zu uns, Wal. Gaben sich als Freunde aus. Behaupteten, sie kennen unseren Gott. Schenkten uns Waffen, schenkten uns Geld. Woher sie es hatten, verrieten sie nicht. Die Gerüchte ignorierten wir. Schmuggel, Drogen, Raub, wir sahen darüber hinweg. Wir waren naiv, Wal, berauscht vom Erfolg. Sie jubelten mit uns, als die Schlacht gewonnen, unser Land befreit. Doch als wir uns hinlegten, siegestrunken, erschöpft, stachen sie uns in den nackten Bauch.

Am nächsten Morgen öffnet Malik seine Augen nur mit Mühe. Hatte unruhig geschlafen. Geträumt von bewaffneten Horden, versteckten Schlangen, unüberwindbaren Dünen. Die Müdigkeit wirft ihn auf sein hartes Lager zurück. Als er sich endlich aufrafft aufzustehen, setzt leichter Regen ein. Malik verkriecht sich frierend unter seine Decke. Hungrig, durstig starrt er seinen steinernen Pottwal an. Müssen majestätische Tiere sein. Knapp zwanzig Meter lang, Tonnen schwer. Malik malt sich aus, wie sein Wal die Meere durchschwimmt. Erhaben, im Wissen, dass ihm niemand gefährlich werden kann. Man hat ihm erzählt, dass Pottwale bis zu zwei Stunden die Luft anhalten können, sich hunderte Meter in die Tiefe wagen. In der Tiefsee würden sie mit Riesenkalmaren kämpfen, mit Seeungeheuern. Kann man seinem Wal durchaus zutrauen, mit seinem wuchtigen Kopf und den dolchartigen, spitzen Zähnen. Malik spürt, wie ihn der Stolz befällt, mit einem solch imposanten Wesen befreundet zu sein. Dass es nun reglos neben einem Bergsee liegt, wirkt wie blanker Hohn. Als ob die Natur jeden wieder auf den Boden holt, der ihr zu gross, zu mächtig wird.

Die Wolken lichten sich, ein Begleiter taucht auf. Mit heissem Tee und Gebäck. In der Unterkunft frage man sich, wie lange Malik diesen Unsinn noch durchziehe. Malik winkt ihn fort. So lange, wie Allah es für richtig halte. Er solle verschwinden, es gehe ihm gut. Sein Kollege hält ihm einen Flachmann hin, verstohlen, als dürfe dies niemand sehen. Einer der Betreuer habe gemeint, dies wärme ihn auf. Den Proviant verschlingt Malik innert weniger Minuten. Die Flasche vor seinen Füssen lässt er liegen. Der erste Schluck, als sein Kollege längst gegangen ist. Der Sprit fährt ihm im Nu in die Glieder. Der zweite Schluck durchströmt seine Brust, seinen Kopf. Seine Gedanken mit dem dritten schwer.

Wal, was kennst du für Lieder? Sing mir was vor! Eine Ballade über die Liebe, über die Sehnsucht. Irgendwas. Uns beide möge sie forttragen. Über die Wüste, übers Meer. Wir gehören nicht in die Berge, Wal. So lass uns vom Leid berichten, das uns hierher verschlug. Wie klingen die Gesänge deiner Sippe? Wie geht der Rhythmus, wie die Melodie? Bis zu unseren Familien, unseren Geliebten soll das Lied erklingen. Hunderte Kilometer weit. Sie werden sich freuen, Wal. Lieder, die sind daheim nun verboten. Die Freude aus dem Land verbannt. Die neuen Herrscher, sie holen die Peitsche, wenn ihnen dein Gesicht nicht passt. Die Steine für die Sünder, sie liegen bereit. Und an die Liebe, Wal, da denkst du besser nicht mal dran. So lass uns singen, Wal, solange es hier noch erlaubt.

Leise setzt Malik zu einem Lied an. Die Klänge seiner Jugend. Klatscht in die Hände. Gesang und Schnaps vermischen sich. Lassen ihn schweben, seine Gedanken auf einmal leicht. Laute und Gitarre nur in seinem Kopf. Der Wal stimmt mit ein. Eine göttliche Melodie. Ein seltenes Glücksgefühl, Malik taumelt. Die Berge drehen sich. Sein Körper von der Wärme, vom Süden erfasst. Seine verflossenen Freunde, sie tanzen ums Feuer, singen, reissen ihn mit. Momente der Freude, sie flackern im Rausch wieder auf. Zu lange vergessen, zu lange verblasst. Mit dem letzten Tropfen lässt sich Malik fallen, gibt sich seinen Erinnerungen hin.

Ein Donnerschlag schreckt ihn auf. Nacht, düstere Wolken am Himmel. Neben seinem Kopf schlagen dicke Regentropfen auf, explodieren. Malik fühlt sich erschlagen. Der Blitz, als zucke er durch seine Knochen. Versucht seine vernebelten Gedanken zu sortieren. Stösst auf seine Sehnsucht, weiter nichts. Ein Grollen wälzt sich über die Alpenwiese, hallt von den Bergwänden wider. Mit einem Schlag prasselt der Regen auf Malik ein. Windböen reissen ihn zu Boden. Ein Unwetter, schlimmer als drei Tage zuvor. Die Ebene erleuchtet, zwischen Wolken und Gipfeln ein gewaltiger Blitz. Die Schatten erwecken die Felswände zum Leben. Es ist, als hätte sich der Wal kurz bewegt, atme, schreie auf. Das Tier wird mit dem Gewitter aufbrechen, fortgehen. Wird Malik schlagartig klar. Mit dem letzten Unwetter gekommen, wird er ihn mit diesen Regengüssen verlassen. Malik stolpert zum Wal, legt zum Abschied seine Hand auf den riesigen Schädel.

Du brauchst keine Angst zu haben, Wal! Hörst du mich! Der Sturm, er bringt dich nach Hause. Zurück in die Tiefen der See. Los, geh! Ich werde dich vermissen, doch es ist auch für mich Zeit weiterzuziehen. Vielleicht muss man sich verirren, bis man den richtigen Pfad trifft. Und manchmal, da steckt man fest, in den Bergen, die Weiterreise verwehrt. Aber das ist kein Unglück, verstehst du mich? Allahs Wege sind unergründlich, Wal. Wir müssen sie gehen, egal ob es uns gefällt, egal was mit uns geschieht. Ich glaube, wir alle haben eine Aufgabe, Wal. Doch hier oben, hier befindet sie sich nicht!

Malik hält seinen Kopf an die Schläfe des imposanten Tiers, küsst den Wal auf die Stirn. Dann dreht er sich ab, stapft mit einer Träne im Auge zu seinem Loch. Durchnässt, durch die regenschwere Nacht. Morgen wird er sich von seinen Kollegen verabschieden, die Berge hinter sich lassen. Blitze zucken über ihn hinweg. Zu Hause würden sie ihn umarmen, würden jubeln, Malik sei aus dem Exil auferstanden. Ein Donnerschlag, direkt hinter ihm. Ob er je daheim ankommt? Steht noch in den Sternen. Allein die erste Etappe, die ist klar. Weg! Hinaus aus diesem Gebirge, raus aus diesem Land. Auf der Anhöhe dreht sich Malik nochmals um. Ein letzter Abschiedsgruss. Doch der Wal, er ist fort. Ein paar dunkle Steine am Ufer. Mehr nicht. In Maliks Brust eine Lücke, eine Kerbe. Schnürt ihm die Kehle zu. Er schluckt leer, wendet sich ab. Folgt dem eingeschlagenen Weg, seinen Kopf gegen den Wind gestreckt.

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